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Kabarett-AG des Martino-Katharineums spielt Günter-Neumann-Revue

„Hereinspaziert, meine Herrschaften“ animiert eine zwielichtige Gestalt vor dem zerbombten Brandenburger Tor. Und: „Das Leben ist ein Rummelplatz, Tummelplatz“ trällern junge Damen aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg und noch viel inbrünstiger vom „schwarzen Jahrmarkt“ des so genannten Kalten Krieges.
 Besonders die Berliner hatten da trotz Hunger und Eingeschlossensein mit ihrem unverwechselbaren Jargon nicht den Humor verloren. Der Kabarettist Günter Neumann karikierte mit seinen Satire-Episoden scharfzüngig das damalige Zeitgeschehen. Sein bekanntester Song handelt vom „Insulaner“, der die Ruhe nicht verliert und unbeirrt hofft, dass seine Insel wieder'n schönes Festland wird.
Inzwischen ist Berlin längst wieder Festland und sogar Hauptstadt. Die zehn Schüler der Kabarett-AG des Braunschweiger Martino-Katharineums haben sich dennoch diese Günter-Neumann-Texte und seine Kompositionen vorgenommen. Mit viel Liebe zum Detail der Nachkriegszeit überzeugen sie vor allem mit der für Schüler exzellenten Musikalität ihres Vortrags. Unter Anleitung von Uschi Syring-Dargies (Musik) und Dieter Dargies (Regie) und vor der von Philipp Ulita selbst gezimmerten Siegessäule verabreichen sie mit kabarettistischem Schwung und mokanter Ernsthaftigkeit verschiedene Teile aus Günter Neumanns Programmen.
 Im Vordergrund stehen natürlich die Evergreens um die „Insulaner“, die 1949 eine viel gehörte Kult-Sendereihe des Berliner RIAS wurden.
„Berliner Luft is jünstig, man altert nich sobald, wir haben hier eene Oma, die is hundert Jahre alt“. Reim dich oder ich fress dich, möchte man meinen. Aber wenn das so sangesfroh von der Bühne geschmettert wird, dann provoziert das auch Lachsalven am laufenden Band.
Besonders wenn dann auch der „Jenosse Funzionär“ phrasendreschend die SED verkörpert und vom sowjetischen „Professor Quatsch nie“ brummelig unterstützt wird. Da kann einem manchmal auch das Lachen vergehen. Lokalpatriotischer Antikommunismus, wie er wohl nur im Berlin der Nachkriegzeit entstehen konnte. Aber auch aus anderen Revuen von Günter Neuman sind Songs zu hören, etwa der vom „Wirtschaftswunder“.
Insgesamt umfasst die Kleinkunstrevue der Schüler die Jahre 1947 bis hin zur Wende 1989, in der Günter Schabowski bedeutungsschwer die Ausreise aus der DDR als „ab sofort, unverzüglich“ ankündigte.
Am Schluss verdientermaßen wegen der musikalischen Qualitäten Ovationen in der Schulaula. Weitere Aufführungen: am Montag, d. 16. und am Mittwoch, d. 18. Januar jeweils um 19:30 Uhr

(Aus: Braunschweiger Zeitung vom 14. 01.2006, S. 28 / Fotos: Michael S. Ruscheinsky)