mk:home | mk:connect | mk:600
Kontakt/Impressum | iServ

August Klingemann

von Dirk Loeben

Das Elternhaus von Ernst August Klingemann stand am Papenstieg 5, wo er am 31. August 1777 in Braunschweig geboren wurde. Der Vater, Heinrich Julius Klingemann, war Registratur des Collegium Medicum1) und in zweiter Ehe mit Johanna Elisabeth Christiane Wein-holtz verheiratet. Diese stammte aus angesehenem, reichem und musikalischem Hause, da ihr Vater hochfürstlicher Kammer- und Hofmusikus war. So konnte sie ein stattliches Vermögen in die Ehe einbringen, das der Familie einen angemessenen Lebensstandard ermöglichte; auch Klingemanns Geburtshaus gehörte zur Mitgift. So ließ man dem Sohne die beste Erziehung angedeihen.

Im Jahre 1795 trat August Klingemann, der das Katharineum besucht hatte, zusammen mit Johann Friedrich Carl Gauß ins Collegium Carolinum ein. 1797 wurde Klingemanns erstes Stück, das Trauerspiel »Die Maske im Bruch« veröffentlicht und durch dessen Bekanntschaft mit Vulpius auch von dem Weimarer Ensemble unter Goethe in Rudolstadt aufgeführt. Allerdings wurde das Stück wohl zu Recht als Plagiat anderer Stücke von Schiller und Leisewitz bezeichnet.

Am 14. Mai 1798, erfolgte die Immatrikulation von August Klingemann an der Universität Jena. Hier war er Student der Jurisprudenz, hörte aber nebenher auch die Vorlesungen von Fichte und August Wilhelm Schlegel. Dies war wohl auch ein Grund dafür, weshalb er Jena den Vorzug vor den hiesigen Universitäten gab.

Zudem war er des öfteren Gast im Schlegelschen Hause und Mitglied im Zirkel der »Rose«, oder man traf ihn im Hause von Professor Christian Gottfried Schütz neben Wilhelm von Humboldt, Schiller, Fichte und Goethe.

Im gleichen Jahr schrieb Klingemann das Stück »Selbstgefühl«, zu dem er durch den Besuch der ersten »Wallenstein«-Inszenierung in Weimar beflügelt worden war. Diesem Drama stand wohl Schillers »Kabale und Liebe« Pate.

Sein nächstes Projekt war im Sommer 1800 die Zeitschrift »Memnon«, deren Herausgeber August Klingemann zusammen mit Brentano und Winkelmann war.

Hierfür verfaßte er ein Anfangsgedicht sowie einige gedankliche Artikel, in denen er sich mit der Romantik auseinandersetzte. Jedoch sollte die erste Nummer dieser Zeitung auch gleichzeitig die letzte sein, da sie in der Fachwelt heftig kritisiert wurde. Ebenfalls erschien in diesem Jahr der erste Band seines romantischen Künstlerromanes »Romano«, ein Jahr später der zweite Band und 1802 der Roman »Albano«. Im ersteren befindet sich ein Maler auf der Suche nach seiner Vergangenheit, wobei er seine Mutter bzw. Deutschland als Herberge der Kunst findet. Im Anhang ist Klingemanns Lyrik in Form von etwa 50 Gedichten abgedruckt. Im letzteren zeichnete er das Leben eines Lautenspielers aus Venedig nach. Diese ersten gelungenen Versuche im Umgang mit Sprache verleiteten Klingemann dazu, sein Studium abzubrechen, um sich 1801 als freier Schriftsteller in Braunschweig niederzulassen.

Wieder daheim wurde am 30. 1. 1802 seine Schrift »Über die Ausbildung des Stils« veröffentlicht. Achtundzwanzig Tage danach starb seine Mutter. Durch diesen tragischen Verlust suchte er Trost in einer immer inniger werdenden Liaison zur verheirateten Sophie Schröder. Diese gebar am 25. 2. 1803 ihre Tochter Klara Mathilde. Diese Geburt hatte ihre Scheidung zur Folge und führte am 1. Oktober 1805 zur Hochzeit mit August Klingemann, jedoch erkannte er seine Vaterschaft zu der schauspielerisch hochbegabten Tochter erst 1818 an. Um die Familie ernähren zu können, wurde er Amtsgehilfe seines Vaters und Anwärter auf dessen Position. Schon sechs Wochen nach dem Tod des Vaters am 26. 2. 1806 erhob man Klingemann zum Registratur des fürstlichen Obersanitätskollegiums. Kurz darauf besetzten die Franzosen Braunschweig, wodurch August Klingemann 1807 ruiniert war; dieser Umstand führte dazu, daß seine Frau am 19.1.1808 an Auszehrung verstarb.

Nach wie vor schrieb Klingemann Bücher, Artikel und Dramen: 1800 publizierte man seine »Briefe über Menschendarstellung« und eine »systematische Übersicht« der Grundlagen des Schauspiels; des weiteren sehr viele Artikel in der »Allgemeinen Literaturzeitung« und der » Zeitung für die elegante Welt«; 1802 dann die Schrift »Was für Grundsätze müssen Theaterdirektoren bei der Auswahl der aufzuführenden Stücke leiten?« und 1804 die satirischen »Nachtwachen« unter dem Pseudonym Bonaventura. Einige seiner Dramen dieser Zeit sind »Freimüthigkeiten« 1803, »Teil« und »Arnold von Halden« 1805, »Heinrich der Löwe« und »Luther« 1806 und »Cromwell« 1807. Allmählich spielten mehrere Bühnen Klingemanns Stücke. 1809 sollte er gar ein Festspiel zum Besuch von Jeröme, dem »König von Westphalen«, verfassen, doch Jeröme verzichtete auf den Besuch und Braunschweig auf das Stück »Opfer der Künste«.

Aufgrund seiner regen künstlerischen Tätigkeit hatte Klingemann bereits 1810 ein Jahreseinkommen von 1000 Talern, wozu sich noch das Registratorengehalt addierte. Daraufhin gab er 1812 seine Amtsstellung auf.

1810 heiratete er die Schauspielerin Elisabeth An-schütz. Auch in diesen Jahren schrieb er Dramen, wobei ihm mit »Columbus« der entscheidende Durchbruch gelang, dieses Stück wurde 1808/09 unter anderem in Berlin, Wien und Stuttgart gespielt. Es folgten die Schauspiele »Cortez« 1809, »Das Vehmgericht« und »Moses« 1810, jedoch hatte August Klingemann mit dem am 29. 11. 1811 in Breslau uraufgeführten Stück »Faust« den weitaus größten Erfolg; trotz dieser arbeitsreichen Zeit fand er noch Muße, zum Doktor der Philosophie zu promovieren. Nachdem der Leiter der Truppe, in der seine Frau mitspielte, 1812 verstorben war, übernahm Klingemann den »artistischen Theil der Directionsgeschäfte« bei der heruntergewirtschafteten Braunschweiger Bühne. Überhaupt waren die Zustände im braunschwei-gischenTheaterleben katastrophal, so versuchte er durch die Gründung einer »Kunstschule für Schauspieler« 1816 und durch »Vorlesungen für Schauspieler«2 das Niveau anzuheben.

Ein Jahr später faßte Klingemann den Plan, ein Nationaltheater zu gründen, das sich durch einen jährlichen Zuschuß des Hofes von 8000 Talern und einen Aktienverein tragen sollte. Daher kündigte Klingemann bei der Braunschweiger Bühne und reiste als neuer Direktor zusammen mit Musikdirektor Wiedebein zu den großen deutschen Bühnen. Diese Fahrten inspirierten ihn zu den Reisebeschreibungen »Kunst und Natur«.

Nach dem intensiven Innenumbau des Opernhauses am Hagenmarkt eröffnete am 23. 5. 1818 das Nationaltheater mit Schillers »Braut von Messina«. Hierfür setzte er auch Richtlinien in dem Buch »Gesetzliche Verordnungen für das Nationaltheater in Braunschweig« fest. Im Ensemble bevorzugte Klingemann junge Schauspieler, da er meinte, sie besser formen zu können, was dazu führte, daß man das Braunschweiger Nationaltheater als exzellente Schule zur Schauspielerausbildung ansah.

Mit dem Jahr 1823 begann der Zerfall des Nationaltheaters, denn der bisher unmündige Herzog Karl II. begann zu regieren, wenn auch unter der Prämisse, die nächsten drei Jahre nicht eigenmächtig zu handeln. Zwar schloß das Kabinett mit dem Theaterverein noch einen Nutzungsvertrag bis zum 1. 5. 1826 unter Erhöhung der finanziellen Hofbeteiligung und'einer einmaligen Sonderzahlung für Requisiten, Garderobe und Bücher, die schon bei der Gründung versprochen worden war, doch Karl II. nahm seit 1825 immer stärker Einfluß auf das Theater. Er wollte seine eigenen Personalvorstellungen verwirklicht sehen, und Klingemann, der für das zukünftige Hoftheater verpflichtet wurde, beugte sich den Wünschen. Die »Zauberflöte« am 19. 3. 1826 war die letzte Vorstellung des Nationaltheaters, und man begann die Räumlichkeiten für das Hoftheater prunkvoll auszustatten, so daß schon am 27. 5. 1826 mit der Oper »Die Prinzessin der Provence« eröffnet werden konnte.

Kurz danach, am 27. April 1827 ernannte der Herzog ihn zum herzoglichen Generaldirektor, aber längst bestimmte Karl II. den Spielplan, die Besetzung, die Mitglieder des Ensembles und tyrannisierte jeden mit maßloser Kritik. Hinzu kam, daß er Klingemanns Frau Elise nicht mochte. Trotzdem war es Klingemann, der sich für die Uraufführung des »Faust I« von Johann Wolfgang von Goethe einsetzte, die auch am 19. Januar 1829 im Braunschweiger Hoftheater stattfand. Schon einmal hatte sich August Klingemann um eine bedeutende Uraufführung beworben: Die Uraufführung von »Der Freischütz« war Klingemann von Weber für Februar 1821 zugesagt worden, doch wurde dieses Vorhaben durch Graf Brühl verhindert, der die Oper am 18. 6. 1821 in Berlin aufführen ließ.

Die Spannungen zwischen Klingemann und dem Herzog verstärkten sich zunehmend, so daß die Weisung an den nachfolgenden Intendanten von Lübeck erging, Klingemann zu kündigen, ihm aber l00 Taler und seinen Titel zu lassen sowie für eine Stellung am Collegium Carolinum zu sorgen.

Nach der Flucht des Herzogs infolge der Braunschweiger Revolution im Jahre 1830 setzte der Nachfolger, Herzog Wilhelm, Klingemann wieder in sein altes Amt ein, doch hatten ihn die letzten Jahre so mitgenommen, daß August Klingemann am 25. Januar 1831 starb.3)

Anmerkungen
1) Später Obersanitätskollegium.
2) Titel der 1818 erschienen Buchausgabe.
3) Ulrich Pareuth,Wie Goethes »Faust« auf die Bühne kam. Braunschweig 1986, S. 19-42; Hugo Burath, August Klingemann und die deutsche Romantik. Braunschweig 1948; Jost Schillemeit, August Klingemann, in: Neue Deutsche Biographie, Bd. 12. Berlin 1980. S. 78-79; Joseph Kürschner, Ernst August Friedrich Klingemann, in: Allgemeine Deutsche Biographie, Bd. 16. Leipzig 1882. S. 187-189.