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Friedrich Gerstäcker

von Dirk Loeben

In Hamburg wurde Friedrich Wilhelm Christian Gerstäcker am 10. Mai 1816 geboren. Er war der erstgeborene Sohn des Tenors Karl Friedrich Gerstäcker und der Opernsängerin Luise Friederike Herz. Der Beruf des Vaters ließ die Familie häufig umziehen, so 1820 nach Dresden zu einem Engagement an der Hofoper und 1821 nach Kassel, wo der Vater 1825 an der Schwindsucht starb. Da eine Lebensrente des Kurfürsten von 300 Talern im Jahr für die Mutter aber nicht ausreichte, lebte Gerstäcker von 1826 bis 1830 zusammen mit seiner Schwester Molly bei einem Onkel, dem Schauspieler Eduard Schütz, in Braunschweig, wo Gerstäcker in die unteren Klassen des Katharineums eintrat.

Danach kehrte er zu seiner inzwischen in Leipzig lebenden Mutter zurück und besuchte dort die Nicolaischule.

Nach Abschluß seiner Schulzeit mußte er widerwillig eine kaufmännische Lehre in Kassel beginnen, die er kurze Zeit später abbrach, um zu seiner Mutter zurückzukehren. Ihr erklärte Gerstäcker, er wolle nach Amerika auswandern, und ließ sich von dem Plan nicht mehr abbringen, sollte aber zunächst einen Beruf erlernen. Daher beschäftigte man ihn von 1835 bis 1837 auf dem Rittergut Haubitz in Döben bei Grimma1 in der Landwirtschaft.

Am Ende dieser Lehrzeit ließ er sich im Mai 1837 mit 200 Doller auf dem Zwischendeck der Barke »Constitution« in Bremerhaven einschiffen. Nach einer stürmischen Überfahrt legte das Schiff am 25. Juli 1837 in New York an. Dort eröffnete Gerstäcker zusammen mit seinem Zimmervermieter einen Tabakladen, der allerdings durch sein kaufmännisches Unvermögen bald so gut wie ruiniert war. Gerstäcker hat sich daraufhin von seinem Partner durch einen kleinen Betrag auszahlen lassen und reiste über Lewisville und Toronto nach Hamilton und weiter über Buffalo und Ohio nach Cincinnati, von wo es über Illinois, St. Louis und New Orleans wieder nach Cincinnati ging, wo er in einem Apothekerkeller Schokolade produzierte, dann Silberschmied war oder Schachteln herstellte. Es schlössen sich zwei Reisen nach Tennessee an, wo er das in Cincinnati begehrte Schilfrohr schnitt und seine Erträge jedesmal gewinnbringend verkaufte.

1840 legte Gerstäcker nach einer Lehrerausbildung zwei Prüfungen für die Freischule erfolgreich ab, brach aber sofort zu Reisen durch die nähere Umgebung auf, war Geschäftsführer im Hotel eines Deutschen im Dorf Pointe-Coupee am Mississippi, wo er sich das Geld verdiente, um ein Jahr später auf der »Olbers« von New Orleans nach Bremerhaven fahren zu können. Bei dieser dramatischen Überfahrt wäre er beinahe durch eine Fieberkrankheit getötet worden und mußte nach seiner Ankunft am 19. September aufgrund der Epedemien an Bord neben den anderen Passagieren noch einige Zeit in Quarantäne bleiben.

Auf dem Weg zu seiner Mutter verweilte Gerstäcker in Braunschweig, um alte Freunde zu besuchen, die dem verwunderten Gerstäcker von seinen Reiseberichten in Robert Hellers »Rosen« berichteten. Später erklärte ihm seine Mutter, daß sie seine als Briefe zugesandtenTa-gebucheintragungen ihrem Bekannten Ferdinand Heine zum Lesen und Überarbeiten des amerikanischen Stiles gegeben hatte, die dann von Heller publiziert wurden. Als Folge schrieb Gerstäcker sein erstes Buch, »Streif-und Jagdzüge durch die Vereinigten Staaten von Nordamerika«, das 1844 in der Arnoldschen Buchhandlung in Dresden erschien.

Er lebte nun mit seiner Mutter in Dresden, schrieb Bücher wie »Die Regulatoren von Arkansas« 1846 oder »Die Flußpiraten des Mississippi« 1847, die bei OttoWie-gand erschienen und übersetzte englische Bücher ins Deutsche.

Seine ersten Romane, die in der Anfangszeit des Staates Arkansas spielen, sind so authentisch, daß sie zur Erforschung der Historie dienen können, was 1957 zu seiner Ernennung zum Ehrenbürger des Staates Arkansas führte.

Neben den Romanen entstand auch für eine in Bedrängnis geratene Dresdener Bühne die Posse: »Kunibert von Eulenhorst oder Der geschundene Ritter«, die er unter dem Pseudonym T. Rebhahn veröffentlichte. Während einer Aufführung verliebte er sich in die Hofschauspielerin Anna Aurora Sauer, die er am 11. Februar 1847 in Dresden heiratete. Zusammen zog man nach Leipzig, wo am 12. Dezember desselben Jahres der Sohn Friedrich geboren wurde. Dort entstand auch sein Werk »Die Flußpiraten«. Bald erschienen Gerstäckers Romane auch in Französisch, Englisch, Holländisch und Russisch.

Im gleichen Jahr war er während der revolutionären Ereignisse Zugführer der Leipziger Scharfschützenkompanie, um sich für die neuen demokratischen Ideen und auch für die Rechtfertigung der Auswanderer einzusetzen. Hierdurch sah er sich zu einer neuen Reise veranlaßt, die ihn offiziell und mit der finanziellen Unterstützung des Deutschen Parlamentes in Frankfurt und der Cottaschen Verlagsbuchhandlung in die deutschen Kolonien von Südamerika führte.

Die »Talisman« brach am 18. März 1849 mit Gerstäcker an Bord von Bremen nach Rio auf, wo er am 19. Mai auf ein deutsches Schiff wechselte, um Anfang Juni Buenos Aires zu erreichen. Von dort machte er sich auf den gefährlichen Weg über Cruz alta und Mendoza sowie über die Kordilleren nach Valparaiso, von wo er mit der »Reform« am 23. August nach San Franzisko auslief. Jetzt ließ er sich vom Strom der Goldgräber mitreißen und verdiente unterwegs sein Geld als Holzfäller, Goldsucher und Lebensmittelhändler. Beim Baumfällen verletzte er sich mit der Axt am Fuß und war lange gehunfähig.

Als Gerstäcker mit seiner Goldsuche genügend Geld verdient hatte, ging er wieder zurück nach San Franzisko und fuhr am 22. November 1849 per Schiff nach Honolulu. Dort gefiel es ihm aber nicht, da es durch die Missionstätigkeit schon seine Natürlichkeit verloren hatte. Am 25. Januar 1851 fuhr Gerstäcker weiter nach Tahiti, eine Insel, die er nicht verließ, ohne vorher als Musikant eine Audienz bei der Königin, Pomare IV, erwirkt zu haben. Unter britischer Flagge segelte er weiter nach Sydney. Nun machte Gerstäcker eine Rundreise mit Ziel Adelaide, wobei er sich der Postkutsche und des Bootes bediente und ging zurück nach Sydney, von wo aus er am 7. November 1851 Java erreichte. Nach einigen weiteren Rundreisen auf der Insel, kehrte er schließlich wieder nach Hause zurück.

Daheim richtete Gerstäcker sein Arbeitszimmer mit den Andenken eines Weltenbummlers ein, schrieb erneut Bücher, die er selbst ins Englische übersetzte und wurde am 19. Mai 1853 Vater einer Tochter, Marie.

Sein literarisches Schaffen brachte Gerstäcker die Bekanntschaft des Erzherzogs Johann von Österreich und die Freundschaft des Herzogs Ernst II. von Sachsen-Co-burg-Gotha ein, nach dessen Einladung, das »Schweizer Haus« im Park des Schlosses Rosenau zu beziehen, Gerstäcker nach dort wechselte. Am 18. November 1857 kam der zweite Sohn Ernst zur Welt, dessen Pate der Herzog war.

Ansonsten schrieb Gerstäcker zunehmend Artikel für Zeitungen. Seine Beliebtheit führte 1857 sogar dazu, einem Schiff seinen Namen zu geben.

Da der Herzog versprochen hatte, für die Familie zu sorgen, trat Gerstäcker am 8. Mai 1860 eine achtzehnmo-natige Reise durch Südamerika an. Mit der »La Plata« gelangte er von Southampton nach St. Thomas und weiter über Colon, Panama, Ecuador, Lima, von wo er die deutsche Kolonie Pozuzo aufsuchte, Valparaiso, von wo er ebenfalls eine deutsche Kolonie bei Valvidia besuchte. Buenos Aires, Porto Alegre, Santa Catharina, Rio de Janeiro, Lissabon und Bourdeaux waren weitere Stationen, bis er,im Oktober 1861 wieder zuhause eintraf. Unterwegs hatte Gerstäcker vom Tod seiner Frau gehört, die am 22. 8.1861 mit 39 Jahren verstorben war.

Gerstäcker stürzte sich nun weiter in die Arbeit und schrieb häufig Artikel mit Ratschlägen für Auswanderer in der »Gartenlaube«. Am 18.2.1862 begannen Gerstäk-ker, der Herzog Ernst II. und einige andere Persönlichkeiten, darunter auch der Naturforscher Brehm, eine Safari durch Afrika, bei der auch die Kulturdenkmäler von Ägypten besucht worden sind. VonTriest fuhr man über Kairo nach Luxor und zurück nach Kairo, wo viele an Malaria erkrankten. Nach deren Besserung brachte sie auf Geheiß der Queen Viktoria ein Kriegsschiff zurück nach Triest.

Zuhause wurde gerade Gerstäckers neues Stück »Der Wilderer« an der Coburger Bühne aufgeführt; er selbst litt in Schloß Rosenau unter den Erinnerungen an seine Frau und zog nach Gotha. In dieser Stadt begegnete er Marie Louise Fischer van Gaasbeek wieder, die er auf Java kennengelernt hatte und heiratete sie am 24. Juli 1863. Aus dieser Ehe entstammten die Töchter Ilse, die am 20. 7.1865 zur Welt kam und Margarethe, die am 6. 7. 1871, kurz vor des Vaters Tod, geboren wurde. In den sechziger Jahren kam er zu einigen Ehrungen, wie der Ernennung zum Mitglied der Generalversammlung der Deutschen Schillerstiftung, des Deutschen Nationalvereins, des Vereins für Naturkunde und der Kölner Karnevalsgesellschaft. Dazu kamen viele Vortragsreisen.

Anno 1865 zog Gerstäcker mit der Familie erneut nach Dresden, wo er seine Familie von seiner Mutter versorgt wußte und ging am 13. Juli 1867 an Bord der »Bremen« in Bremerhaven, um am 29. Juli New York zu erreichen. Sein nächstes Ziel war Cincinnati, dann St. Louis, von wo er nach Chicago aufbrach, um von dort »Council-Bluffs« aufzusuchen, wo Verhandlungen mit Indianern stattfinden sollten. Über Omaha gelangte er wieder nach St. Louis zurück, mit dem Ziel New Orleans, von wo aus er Vera Cruz ansteuerte. Er fuhr weiter über Mexiko-Stadt, Cuernavaca, Acapulco, Panama, Jamaica, Haiti, Caracas, Bolivar,Trinidad und St. Nazaire in Frankreich, so daß er im August 1868 wieder daheim war.

Hier verwertete er seine Eindrücke für neue Bücher, seine Popularität trug dazu bei, daß immer mehr Menschen seine Dresdener Wohnung besichtigen wollten, daher entschloß sich Gerstäcker im September 1869, nachdem er die Pfalz und Salzburg verworfen hatte, nach Braunschweig in die Adolf Straße 45 zu ziehen.

Hier fand Gerstäcker noch einmal Muße zu schreiben, seine Großnichte, die spätere berühmte Schriftstellerin Ricarda Huch, zu empfangen und Vorträge zu halten. Im September 1870 und im Januar 1871 zog es ihn für jeweils einen Monat als Kriegsberichtserstatter für die »Gartenlaube« nach Frankreich.

Nach der Einladung zu einer Reise nach Japan, China und Indien, die er gerne angenommen hatte, und dem Besuch eines Freundes in Leipzig starb Friedrich Gerstäcker am 31. Mai 1872 am Schreibtisch an den Folgen eines Gehirnschlages.

Anmerkung
1) in Sachsen; Thomas Osterwald, Friedrich Gerstäcker Leben und Werk, Braunschweig 1989