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Friedrich Kuhlau

Martin Teske: „Die Großen im Lande“ Band 1. Eigenverlag manuskript. Radbruch 2000

Ein urwüchsiger und trinkfester Junggeselle, begeisterter Naturfreund und Wanderer: So wird Friedrich Kuhlau von seinem Freund, dem dänischen Lyriker Christian Winther, geschildert. So manchem jungen Pianisten sträuben sich die Nackenhaare bei diesem Namen, denn bis heute werden Kuhlaus Sonatinen höchst unterschiedlicher Schwierigkeitsgrade im Klavierunterricht strapaziert. In Uelzen am 11. September 1786 als Sohn eines Regimentsmusikers geboren, stirbt er am 11. September 1832 in Kopenhagen als einer der gefeiertsten Komponisten und Dirigenten Dänemarks. Sein Lebenswerk ist sozusagen die geniale Summe aus Anregungen von Bach und Beethoven, von Mozart und Weber.

Musik liegt der Familie im Blut: Großvater Johann Daniel ist Oboist und Stadtmusikus. Friedrich kennt ihn nicht mehr, denn der Großvater stirbt im Jahr 1789 - Friedrich ist gerade mal drei Jahre alt. Mit seinem Onkel Johann Daniel verbindet den Jungen da schon eine größere Lebensspanne. Er lebt bis 1810 als Organist und Stadtmusikant in Aalborg. Doch die ersten Flötentöne hat Friedrich von seinem Vater. Der unterrichtet seinen Sohn in Uelzen frühzeitig im Flötenspiel. Später bekommt Friedrich in Lüneburg von dortigen Organisten Ahrenbostel Unterweisungen im Klavierspiel. Schon als Kind greift er zum Notenpapier, hat seine helle Freude am Komponieren.

Der Vater erkennt die außergewöhnliche Begabung seines Sohnes. Friedrich besucht - weil der Vater dorthin versetzt wird - das Katharineum in Braunschweig und zieht dann mit seinen Eltern nach Hamburg. Dort bekommt er Unterricht bei Christoph Gottfried Schwencke, einem früheren Schüler Philipp Emanuel Bachs.

In Hamburg ist Friedrich im Jahr 1804 als vorzüglicher Klaviervirtuose auf dem besten Wege, berühmt zu werden. Doch aus Sorge, zum Militärdienst eingezogen zu werden, muss er zunächst von der öffentlichen Bühne verschwinden. Er flieht aus Hamburg - wahrscheinlich ohne konkreten Grund. Denn bei einem Unfall in der Kindheit ist er auf einem Auge erblindet und wäre auch nach damaligem Reglement kaum als tauglich gemustert worden.

Der Klaviervirtuose geht 1810 nach Kopenhagen und hält sich dort zunächst unter dem Pseudonym Kaspar Meyer verborgen. Doch schon im Januar 1811 stellt er sich dem Publikum vor. Der Erfolg ist so überwältigend, dass Friedrich im Dezember als Klavierkünstler an den königlichen Hof gerufen wird. 1813 wird er eingebürgert und setzt sich nun im so konservativen Kopenhagen für sein großes Vorbild ein: Ludwig van Beethoven.

Das öffentliche Konzertieren gibt es bald auf, das Komponieren prägt seinen Lebensinhalt. Kuhlau braucht Geld, viel Geld. Denn 1818 nimmt er seine Eltern und später auch seine Schwester in sein Haus auf. So nimmt er ziemlich jeden Auftrag an, der sich ihm bietet, wird Gesangslehrer am Theater, Theaterkomponist und bezahlter Kammermusikus. 1828 wird ihm der Professorentitel verliehen. Das ist das damals übliche Honorar bei Hofe: Viel Ehre, ohne satt zu werden. Wie Kuhlau über den Professorentitel, so hat sich damals auch Goethefreund Eckermann über den Doktorgrad geärgert, der ihm statt regelmäßiger Bezüge verpasst worden ist. Kuhlaus Gesuche um Gehaltsgewährung oder sogar Erhöhung seiner Honorare werden in der Regel abschlägig beschieden.

So muss er von außerhalb Kompositionsaufträge akquirieren, und das führt zu vielen Reisen. Friedrichs Ziele sind Leipzig und Berlin, und als er nach Wien verschlagen wird, besucht er Beethoven. Der Abend des 2. September 1825 wird zum Höhepunkt seines Lebens: Gemeinsam improvisieren die beiden Komponisten Kanons, genießen den gegenseitigen Humor, leeren dabei manche Flasche Wein.

Im Jahr 1826 siedelt er in das Dorf Lyngbye bei Kopenhagen um, doch am 5. Februar 1831 brennt sein Haus ab, und zahlreiche Manuskripte werden ein Raub der Flammen. Von diesem Schlag erholt sich der Komponist nicht wieder, er stirbt ein Jahr später an Brustschwäche.

Bis auf seine Klavierwerke sind Kuhlaus Werke in Deutschland in Vergessenheit geraten. Doch die Dänen halten ihn als jüngsten, begabtesten und universalsten Wegbereiter der nationaldänischen Musik in Ehren. In Kopenhagen hat er Singspiele und Schauspielmusiken geschaffen, die durchaus Opernformat haben. Seine Romanzen und Chöre vereinigen die Verspieltheit Mozarts und die Kühnheit Beethovens. Seine Instrumentationen sind oft gewagt, seine Harmonien geradezu halsbrecherisch - in Dänemark ist die Chromatik als reizvolles Stilmittel in großem Stil noch nicht entdeckt, doch Kuhlau weiß sie schon geschickt zu nutzen. Das zeigt er in der „Räuberburg", seinem ersten größeren Bühnenwerk, das auch in Deutschland aufgeführt worden ist. Darin hat er Anregungen von Haydn, Mozart, Salieri, Cherubini, Beethoven und von Rossini in selbstschöpferischer Weise und höchst eigenwillig verarbeitet. Im Zaubermärchen „Lulu“ verarbeitet Kuhlau den Stoff zur ersten Textfassung von Mozarts „Zauberflöte“.

Mit dem „Elfenhügel“ gelingt dem Komponisten die dänische Nationaloper schlechthin. Bis heute ist die Ouvertüre, die mit der Nationalhymne endet, aus den Konzertsälen nicht wegzudenken. Auch das gesamte Opus endet übrigens - nach einer reizvollen Ballettmusik - mit dieser Hymne. „Hier kehrt Kuhlau zu den nordischen Volksweisen zurück und wird dadurch ein Pionier für Tendenzen, die in der kommenden Epoche der romantischen Musik in Dänemark bedeutungsvoll hineinspielen“, urteilt ein Kritiker.

Seine Klavierkompositionen, größtenteils dreisätzige Sonaten, verraten den Frühromantiker, verraten aber auch die Gefolgschaft Beethovens. Dieses Vorbild klingt auch in den vielen Flötenkonzerten durch, die Kuhlau speziell für die bürgerliche Hausmusik geschrieben hat. Nachgeborene haben ihn deshalb einen „Beethoven der Flöte“ genannt. Der größte Teil dieser Kompositionen entstand als Auftragswerke für den „vorgeschrittenen Kunstfreund“. Besonders die Duette zeigen eine große Gewandheit im Satz. Seine sechs Flötensonaten sind wunderschön, werden aber kaum noch gespielt. Kuhlau hat sich in die Klavierschulen zurückgezogen, und wer immer eine seiner wunderschönen Sonatinen oder Sonaten spielt, hält das Gedächtnis an diesen großen Künstler frisch.