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August Heinrich Hoffmann von Fallersieben

von Angela Klein

Der Germanist und Dichter August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798-1874) besuchte das Ka-tharineum von April 1814 bis Ostern 1816, nachdem er zuvor zwei Jahre Schüler des Gymnasiums in Helm-stedt gewesen war. In seiner Biographie »Mein Leben« bewertete Hoffmann seinen Schulbesuch in Braunschweig als die Zeit, in der ihm wichtige philologische Kenntnisse vermittelt wurden. Trotz der Widerstände seines Vaters setzte er in Braunschweig seine dichterische Produktion fort und veröffentlichte 1815 im »Kalender auf das Schaltjahr nach/Christi Geburt 1815« einige Lieder, die sich eng an die Freiheitslieder gegen die Herrschaft Napoleons anlehnten. Bereits in seinen in Braunschweig geschriebenen Gedichten griff Hoffmann politische Themen auf: so kritisierte er in einem Sonett, dessen erste Zeile lautete: »Der alte Adel schlingt neue Bande/und unterjocht die Freiheit weit und breit«, die restaurativenTendenzen in Hannover.1)

Nachdem sich Hoffmann anfänglich auf Wunsch seiner Familie in Göttingen dem Studium der Theologie gewidmet hatte, wandte er sich nach 1816 der Philologie zu. 1818 lernte er in Kassel Jakob Grimm kennen, der sein Interesse auf die deutsche Literatur lenkte. Von diesem Zeitpunkt an stand die Literatur des Mittelalters im Mittelpunkt seiner wissenschaftlichen Arbeiten. Hier leistete Hoffmann grundlegende Beiträge zu der damals noch in den Anfängen stehenden Germanistik. Auf Forschungsreisen, die dem Auffinden althochdeutscher Literatur dienten, konnte er viele bis dahin unbekannte Texte der Öffentlichkeit zugänglich machen: so die Bonner Otfried-Bruchstücke (1821), Williams Paraphrase des Hohen Liedes (1827) oder das 1834 inValenciennes wiedergefundene Ludwigslied, das älteste historische Lied in deutscher Sprache, das den Sieg des westfränkischen Königs Ludwigs III. über die Normannen am 3. August 881 bei Saucourt verherrlichte. Hoffmann entfaltete eine reiche publizistische Tätigkeit und arbeitete mit so bedeutenden Germanisten wie Moritz Haupt, mit dem er die »Altdeutschen Blätter« herausgab, oder mit Wilhelm Wackernagel zusammen. Seine wissenschaftlichen Arbeiten, er erhielt 1823 für seine Veröffentlichungen über alt- und mittelniederländische Literatur die Doktorwürde der Universität Leiden, brachten ihm 1823 eine Anstellung als Kustos an der Zentralbibliothek in Breslau ein. Nachdem er 1830 gegen den Willen der Fakultät zum außerordentlichen Professor an der Universität Breslau ernannt worden war, erhielt er hier 1835 eine Stelle als ordentlicher Professor.

Hoffmanns lyrisches Schaffen umfaßt Volkslieder und politische Lieder. Nach seinen ersten lyrischen Versuchen veröffentlichte er neben Burschenschaftsliedern 1827 seine »Gedichte« und 1836 das »Buch der Liebe«. Als Lyriker stand Hoffmann in der Tradition der romantischen Lieddichtung, wobei er deren Streben nach Einfachheit und Volkstümlichkeit mit den begrenzten eigenen Ausdrucksmöglichkeiten gleichsetzte.2) Die Romantiker sammelten mittelalterliche Poesie oder das, was sie dafür hielten, um die Quellen ihrer literarischen Eigenproduktion zu entdecken und durch die Erneuerung der Kunstpoesie der Klassik endgültig den Rücken zu kehren. So sammelte Jakob Grimm Volksdichtung und Achim von Arnim gab mit Clemens Brentano »Des Knaben Wunderhorn« heraus, wobei sich eine Hinwendung zumVolkstum abzeichnete.

Hoffmann wandte sich den niederländischen Volksliedern zu und begann sogar mit eigenen Versuchen: »Ich lebte mich so recht ein in die Sprache und in den Geist des alten Volksliedes, daß die Lust wie von selbst kam, ähnliche Lieder zu dichten« (zit. nach Jost, Seite 77). Sein Interesse an Volksliedern führte ihn auch zu Kinder-hedern, die für viele Jahrzehnte in die Schulbücher eingegangen sind: z.B. »Summ, summ, summ, Bienchen summ herum«, »Ein Männlein steht im Walde« und »Alle Vögel sind schon da«.

Am erfolgreichsten war Hoffmann in seiner politischen Lyrik, die den Liedern Dingelstedts, Freiligraths und Herweghs vorangingen. 1840/41 veröffentlichte er eine Sammlung seiner Lieder unter dem ironischen Titel »Unpolitische Lieder«. Diese themasierten bestimmte, überall bekannte Mißstände wie Standesdünkel, Zensur (»Staatsinkuisition«) und Polizeimethoden (»Der Kor-poralsstock«). Den Gedichten vorangestellt waren jeweils Zitate aus dem NeuenTestament, die denTenor der Gedichte verdeutlichten.3) So trug der zweite Band der »Unpolitischen Gedichte« als Motto ein Zitat aus der Apostelgeschichte (4,20): »Wir können es ja nicht lassen, daß wir nicht reden sollten, was wir gesehen und gehört haben«. In Hoffmanns politischer Lyrik überwiegt das Interesse des liberalen Bürgertums an Reformen. Seine Kritik war eher gemütlich-humorvoll als agitierend. Dennoch war die Wirkung seiner »Unpolitischen Lieder« groß. Der preußischen Regierung schien Hoffmanns Popularität so gefährlich, daß sie ihn 1842 von seinem Amt als Professor in Breslau suspendierte. In der Begründung des Ministeriums hieß es dazu: » ... es werden Gesinnungen und Ansichten ausgedrückt, die bei den Lesern der Lieder besonders von jugendlichem Alter, Mißvergnügen über die bestehende Ordnung der Dinge, Verachtung und Haß gegen Landesherren und Obrigkeit hervorzurufen und einen Geist zu erwecken geeignet sind, der zunächst für die Jugend, aber auch im allgemeinen nur verderblich wirken kann«.

Im Gegensatz zu Herwegh vertritt Hoffmann einen noch immer in der Tradition der »Befreiungskriege« begründeten Nationalismus für den sein »Lied der Deutschen« (1841) ein Beispiel ist. Dieses Lied ist sogleich auch ein Beispiel für den differenzierten, ganz und gar nicht chauvinistischen Charakter dieses Nationalismus, der ihn von Ernst Moritz Arndt weit unterscheidet. Zur Zeit Hoffmanns beschrieben die vierte und fünfte Zeile des Gedichtes die Grenzen des Deutschen Bundes: Die Maas floß im niederländischen Teil Limburgs, der seit 1839 dazugehörte, die Etsch gehörte zum Österreichischen Südtirol, die Memel war der Grenzfluß zwischen Ostpreußen und Litauen, der Belt die nördliche Seegrenze Schleswig-Holsteins. Das Lied war bereits in der Zeit seiner Entstehung nicht unumstritten, jedoch blieben seine Kritiker in der Minderheit. Zu ihnen gehörten Heinrich Heine und vor allem Karl Marx und Friedrich Engels, die ihre Gedanken von Sozialismus und Internationalismus entwickelten. Das Lied ging in vielfacher Vertonung in zahlreiche Kommers- und Liederbücher ein. Erst die Uminterpretation des Gedichtes in der Folgezeit weist auf die fatale Rezeptionsgeschichte hin: nachdem es nach 1848 in den Hintergrund getreten war, erregte es im Ersten Weltkrieg erneut Aufmerksamkeit, als nationalgesinnte Studenten in Freiwilligenkorps das Deutschlandlied singend 1914 in den Krieg zogen. 1918 sangen es die besiegten deutschen Truppen ebenso wie 1920 die Brigade Ehrhardt beim Kapp-Putsch. In der Weimarer Republik erhob Friedrich Ebert das Lied 1922 zur Nationalhymne. Am 2. Mai 1952 wurde es nach heftigen Diskussionen vom Bundespräsidenten Theodor Heuss zur Nationalhymne der Bundesrepublik Deutschland erklärt.4)

Nach seiner Absetzung als Professor begannen für Hoffmann unruhige Wanderjahre, die von finanziellen Sorgen geprägt waren. Zunächst verbrachte er einige Zeit auf Gut Buchholz in Mecklenburg, 1854 erhielt er durch Protektion eine Stelle in Weimar, wo er 1854-1857 die »Weimarische Zeitschrift für deutsche Sprache und Literatur« betreute. Dort wurde er in den Freundeskreis um Franz Liszt aufgenommen und konnte geistige und gesellschaftliche Kontakte pflegen, die er in den Jahren zuvor vermissen mußte. 1860 siedelte er nach Schloß Corvey über, das dem Prinzen Victor von Hohenlohe-Schillingsfürst, Herzog von Ratibor gehörte. Hier verbrachte Hoffmann die letzten Jahre seines Lebens mit philologischen Studien. Als es jedoch in Preußen 1862 zum Konflikt um die Heeresreform zwischen dem Souverän und der liberalen Kammer des Abgeordnetenhauses kam, bezog Hoffmann nochmals öffentlich Stellung, indem er seine 1840/41 veröffentlichten Gedichte unter dem Titel: »Frühlingslieder für Urwähler, Wahlmänner und Fortschrittsmänner« anonym neuerscheinen ließ. Trotz seiner Vorbehalte gegen Preußen stellte Hoffmann sich 1866 in der Auseinandersetzung zwischen Preußen und Österreich um die Vorherrschaft in Deutschland auf die Seite Preußens. Oberstes Ziel blieb die staatliche Einigung Deutschlands, die 1871, wenngleich unter anderen Vorzeichen, erreicht wurde. Hoffmann widmete dem preußischen König und deutschen Kaiser Wilhelm ein Lobgedicht, in dem er ihn alsiitanen feierte, der die Einheit verwirklichte.

Seine letzten Jahre verbrachte Hoffmann von Fallersleben in Corvey damit, seine schriftstellerischen Arbeiten zu ordnen und eine Gesamtausgabe seiner Kinderlieder vorzubereiten. Am 19. Januar 1874 ist Hoff mann von Fallersleben in Corvey gestorben.

Anmerkungen
1) August Heinrich Hoffmann von Fallersleben, Mein Leben. Aufzeichnungen und Erinnerungen, Bd. 1. Hannover 1868, S. 68
2) Adalbert Elschenbroich, August Heinrich Hoffmann von Fallersleben, in: Neue deutsche Biographie, Bd. 9. Berlin 1972, S. 421 ff
3) HelmutWiesemeyer, Unpolitische Lieder, in: Hoffmann von Fallersleben. Wollen -Wirken -Werke. Eine Gedenkschrift zum 100.Todestag des Dichters, Gelehrten und Sprachforschers am 19. Januar 1974. Hg. von der Hoffmann von Fallersleben-Gesellschaft e.V. Wolfsburg-Fallersleben, o.J. (1974), S. 26-35; S.27
4) Ingrid Heinrich-Jost, August Heinrich Hoffmann von Fallersleben. Berlin 1982 (Preußische Köpfe); 87 f