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Wilhelm Bracke

von Robert Prätzler

Die Sozialdemokratie kann in Braunschweig auf eine 125-jährige Tradition als Organisation zurückblicken. Untrennbar mit ihrer Geschichte verbunden ist der Name eines ehemaligen Schülers des Martino-Katharineums, Wilhelm Bracke.

Dieser wurde am 29. Mai 1842 in Braunschweig als Sohn einer angesehenen Kaufmannsfamilie geboren. Um eine gute Wissens- und Bildungsgrundlage zu erhalten, wurde der junge Bracke auf das traditionsreiche Martino-Katharineum gesandt. Erbesuchte diese Schule bis zur Obersekunda. Seine besonderen Interessengebiete waren neben der Geschichte die Naturwissenschaften Physik und Chemie.

Wilhelm Bracke beabsichtigte denn auch, »Physik und Chemie« zu studieren, »um an dem Fortschritt der Menschheit Anteil zu nehmen«, nicht aber »Taler auf Taler« zu »häufen«1) , wie er seinem Vater mitteilte, als er die Kaufmannslaufbahn einschlagen sollte. Schließlich durfte Bracke zur Weiterbildung das Collegium Caro-linum besuchen, beruflich sollte er jedoch die väterliche Laufbahn wählen.

Der Wunsch zur politischen Betätigung erwachte in Bracke bereits mit jungen Jahren. ImAlter von 18 Jahren nahm er an der Gründung des Männer-Turn-Vereins (MTV) teil. In seiner Funktion als Turnratsmitglied bewies er, daß er Meinungsfreiheit höher als »polizeiliche Warnungen« bewertete, als er bei der Braunschweiger Tausendjahrfeier 1861 die schwarz-rot-goldene Vereinsfahne von 1848 im Festzug mitfuhren ließ.

Schon wenige Jahr später geriet Wilhelm Bracke in Kontakt mit den Ideen Ferdinand Lassalles und gründete am 6. September 1865 eine Braunschweiger Gemeinde des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins. Aufgrund seiner Aktivität wurde Bracke kurz darauf Mitglied des Bundesvorstandes.

Bald begann sich Bracke mit dem wissenschaftlichen Sozialismus zu beschäftigen und postulierte eine demokratische Sammlung und den Zusammenschluß aller »freisinnigen Elemente« mit der »Sozialdemokratischen Arbeiterpartei«.2) Daraufhin zeichnete sich ein Konflikt mit Von Schweitzer, dem Präsidenten des ADAV, ab, da dieser eine Spaltung der Organisation verhindern wollte.

Ein Treffen, das für Brackes weiteren Lebensweg mitentscheidend sein sollte, fand im Oktober 1869 statt. Nachdem er bereits Kontakte zu August Bebel und Karl Liebknecht, den Vertretern der Ansichten von Karl Marx, geknüpft hatte, traf er diesen in Hannover. Marx äußerte sich später wohlwollend über Bracke und dessen Begabungen. Er galt ihm nur manchmal als zu »weichherzig«.

Nunmehr kam es innerhalb der lassalleanischen Organisation zu einer Spaltung, die schließlich dazu führte, daß die Oppositionellen gemeinsam mit Bebel und Liebknecht in Eisenach die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Deutschlands gründeten. Im Gründungsjahr 1869 beauftragte man den Braunschweiger Vorstand mit Bracke für zwei Jahre mit der Führung der gesamten Parteigeschäfte. In dieser Funktion erfüllte er für die junge Partei zahlreiche wichtige Pflichten und mußte sich zahllosen Herausforderungen stellen.

Das wahrscheinlich bedeutendste Werk der Braunschweiger Sozialisten bildete das »Manifest vom 5. September 1870«. Auf dem Höhepunkt des Deutsch-Französischen Krieges nach der Gefangennahme Napoleons III., forderte man einen »ehrenvollen Frieden« mit der neu gebildeten französischen Volksregierung. Der Empfehlung von Karl Marx folgend, der gegen eine Annexion Elsaß-Lothringens war und einen »Militärdespotismus« in Deutschland befürchtete, wünschten die Braunschweiger Sozialisten eine »Völkerversöhnung«, da der »Verteidigungskrieg gegen die napoleonischen Armeen« beendet sei.3)

Dieses Manifest hatte nach vier Tagen die Verhaftung Wilhelm Brackes und der anderen Mitglieder des Braunschweiger Ausschusses zur Folge. Die Sozialisten wurden in der ostpreußischen Festung Boyen inhaftiert.

In einem der ersten großen Sozialistenprozesse Deutschlands verurteilte man Bracke zu 16 Monaten Gefängnis. Er legte dagegen Revision ein und erreichte eine Minderung der Strafe auf 3 Monate. Auch weiterhin blieb er seinen Idealen treu, so daß er sofort versuchte, die zerschlagene Braunschweiger Organisation wieder-zuerrichten. Nach einer erneuten Auflösung im Frühjahr 1871 und dem Verbot der Nachfolgeorganisation »Volksverein« schuf der unbeugsame Bracke den »Braunschweiger Volksfreund« und zudem den »Demokratischen Wahlverein« als gemeinsame Organisation der Arbeiterbewegung sowie der Demokraten des Bürgertums.

Zwar erregte Bracke damit aufgrund seiner nur bedingten Treue zum Eisenacher Programm das Mißfallen Bebeis und Liebknechts; er konnte* diesen aber erfolgreich seinen Standpunkt verdeutlichen. Bereits im November 1872 wurde er in den Rat der Stadt Braunschweig gewählt.

Bracke engagierte sich vor allem im Schul- und Gesundheitswesen und errang mit seiner Organisation im Jahre 1877 sogar die absolute Mehrheit in der Stadt Braunschweig. Zudem entsandte seine Partei ihn erstmals in den Reichstag.

1875 kam es in Gotha zur Vereinigung der deutschen Arbeiterparteien. Im Laufe des Konflikts zwischen Las-salleanern und Eisenachern stellte sich Bracke auf die Seite von Marx und Engels, die er im Briefwechsel zur berühmten »Kritik des Gothaer Programms« bewegte. Dieses Schreiben konnte jedoch die Vereinigung in ihrer Form nicht mehr beeinflussen. Allerdings bat Liebknecht Wilhelm Bracke, Marx und Engels zu besänftigen, was ihm schließlich in soweit gelang, daß diese nach seinen Briefen auf eine öffentliche Kritik verzichteten.

Neben seinem parteipolitischen Engagement gab Bracke in seinem Verlag den »Volksfreund« und zahlreiche weitere Schriften, wie z. B. die erste, von Engels verfaßte Biografie von Karl Marx, heraus.

Leider erkrankte Bracke bereits gegen Ende der siebziger Jahre und auch die Pflege durch seine Frau konnte seinen Zustand nicht verbessern. Zu all den Belastungen durch seine aufopferungsvolle Tätigkeit als Parlamentarier, Verleger, Parteiführer und Kaufmann traf ihn noch das »Sozialistengesetz« von 1878 in seinem Lebensnerv. Trotz der Schließung seines Verlages und der Behördenauflagen, die eine Parteiarbeit fast unmöglich machten, trat Bracke mutig gegen das Gesetz an. Im Reichstag stellte er sich gegen die Mehrheit und rief euphorisch, daß er »auf das ganze Gesetz« pfeife.4) Dieses Wort und sein Handeln waren in dieser Krisenzeit Vorbild für die Arbeiterschaft in ganz Deutschland.

Bracke durfte die Rücknahme des Ausnahmegesetztes nicht mehr miterleben. Durch seine schwere Erkrankung bereits zur Aufgabe seines Mandates gezwungen, starb er am 27. April 1880 im Alter von nur 38 Jahren nach einem Blutsturz. Sein alter Freund Bebel und die Sozialisten im ganzen Land bedauerten sein Ableben und wenige Tage später erwiesen Tausende Braunschweiger diesem berühmten Arbeiterführer die letzte Ehre.

Anmerkungen
1) Georg Eckert, Wilhelm Bracke, in: Niedersächsische Lebensbilder Bd. 4 (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Niedersachen). Hildesheim 1960. S. 46ff. 
2) a.a.O., S. 48 
3) a.a.O., S. 50 
4) a.a.O., S. 53