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Das MK für Deutschland bei einer Weltmeisterschaft?

Eigentlich kaum zu glauben, aber dennoch wahr! In den Jahren 2008 und 2009 wurden wir mit dem Jahrgang 1992/93 bzw. 1993/94 jeweils Deutscher Meister beim Wettbewerb „Jugend trainiert für Olympia“. Das war zum einen eine riesengroße Sensation, weil wir die Sportschulen („Eliteschulen des Sports“) schlagen konnten – zum anderen barg es eine handfeste Überraschung: Die Qualifikation zur Schul-Weltmeisterschaft 2010 in China.
MK für Deutschland!!!

Vorbereitung

Die Vorbereitung war alles andere als ein Kinderspiel, zumal wir zuallererst den finanziellen Rahmen stemmen mussten, da das Land Niedersachsen keine Zuschüsse gewährte. Aufgrund einer sehr erfolgreichen Aquise von Sponsoren sowie der Bereitschaft aller Teilnehmer, einen hohen Eigenbeitrag zu leisten, konnte letztendlich die große finanzielle Hürde genommen werden.
Als nächstes großes Problem stand die Ausstattung im Vordergrund: einheitliche Trainingsanzüge, zwei Sätze Trikots, aber auch: Einspielshirt, Sporttasche, einheitliches Ausgehoutfit für offizielle Termine u.v.m. Für die letztgenannten konnten schnell Sponsoren gefunden werden, da ein Werbeaufdruck erlaubt war. Trainingsanzug und Trikots (mit Deutschlandschriftzug und MK-Emblem) war ein finanzielles Problem, das letztendlich durch den legendären Sponsorenlauf der MK-Schülergemeinschaft gelöst wurde. An dieser Stelle noch einmal vielen Dank für die umwerfende Unterstützung!!!
Schlussendlich galt es noch Kleinabstimmungen für die gesamte Deutsche Delegation zu tätigen, denn als Mädchenmannschaft begleitete uns das „Schul- und Leistungssportzentrum“ aus Berlin mit zwei Betreuern, dazu kamen zwei internationale Schiedsrichter und mit Gerhard Schnalke ein sensationeller Physiotherapeut, der im Turnierverlauf alle Hände voll zu tun bekommen sollte.

Reise und Unterkunft

Die Anreise hatte es in sich: 22 Stunden unterwegs, ehe wir müde und erschöpft am Flughafen in Baotou landeten. Dann noch eine kurze offizielle Begrüßung, ehe es mit Polizeieskorte ins Hotel ging. Dort stand eigentlich noch eine Lockerungseinheit im Fitnessraum auf dem Programm, doch zur allgemeinen Überraschung gab es keinen Fitnessraum und auch keinen Pool. Draußen joggen war ebenfalls verboten, da wir nur unter Polizeiaufsicht das Hotel verlassen durften. Aus leistungssportlicher Sicht äußerst schwierige Bedingungen.
Die Doppelzimmer des Hotels waren einigermaßen passabel, wenn auch sehr klein. Zum Glück hatten die kurzen Betten keinen Rahmen, so dass die Füße rausbaumeln konnten. Das Essen war hingegen außerirdisch: 3x am Tag das gleiche Buffet (z.B. mit gerösteten Hühnerbeinen o.ä.), meistens leider bereits kalt. Morgens hieß die Lösung: Wassermelonen. Auf die europäischen Essenssitten wurde sich mit kalten Pommes und Chicken-wings eingestellt, Salat leider nicht genießbar. Alles in allem eine Katastrophe für 10 Tage sportliche Höchstleistung – ein Parameter, der uns am Ende auch einiges an Substanz gekostet hat.

Eröffnungsveranstaltung

Gigantisch, überwältigend, der Oberhammer: Neue Halle, ausverkauftes Haus, Fernsehübertragung (wie auch von vielen der Volleyball-Spiele), 500 Mitwirkende, die 1 Jahr lang geübt haben, überall Polizei, Einmarsch mit deutscher Flagge.... – das war olympiareif! Überhaupt war die ganze Stadt geschmückt mit Bannern (hier ein Beispiel: BAOTOU MEETS THE WORLD – THE WORLD NEEDS BAOTOU), Werbetafeln, dem WM-Maskottchen – offenbar war die WM für die 2.000.000-Einwohner-Stadt Baotou das größte Event der letzten 25 Jahre.

Das Turnier

Insgesamt waren 24 Nationen am Start: von Brasilien über Südafrika und den Iran bis Taiwan. Ein buntes Treiben; insbesondere die chinesische Mannschaft machte bereits im Hotel Eindruck, da viele Spieler über 2m groß waren; zudem mussten sie vor jedem Treffen (auch zum Essen) der Größe nach sortiert auf ihre Betreuer warten – herrlich. Die Franzosen liebten das schluffige „alles-easy-Gehabe“, auf dem Spielfeld brannten sie aber ein Feuerwerk ab. Die Iraner und Taiwanesen lebten Disziplin vor: das ging los mit stets einheitlichem Outfit und endete bei der kollektiven Verbeugung dem Trainer gegenüber nach ihren Matches. Wir waren irgendwo dazwischen, vom Outfit und Verhalten außerhalb des Spielfeldes eher liebenswerte „Hobbytruppe“, in der Halle aber ernst zu nehmende Konkurrenten.

Die Spiele

Gleich das erste Spiel war einer der Höhepunkte: es ging gegen Taiwan; die Sporthalle war drei mal so groß (und auch gefühlt drei Mal so hoch) wie die Güldenhalle, 2000 Zuschauer feuern Taiwan an, gigantisch. Gigantisch war auch die Leistung Taiwans, die einfach besser waren als wir und uns mit ihrem schnellen und variablem Spiel nicht den Hauch einer Chance ließen.
Nachdem wir uns an das Drumherum etwas gewöhnt hatten, gewannen wir alle Spiele mit reeller Siegchance; die beste Turnierleistung zeigte das Team gegen China: wir gewannen nach über 2 Stunden mit 19:17 im entscheidenden 5. Satz – eine unglaubliche Energieleistung.
Nach Siegen gegen Polen, Chile, Südafrika und China sowie Niederlagen gegen Taiwan, den späteren Weltmeister Iran sowie Italien belegten wir den sehr guten 10. Platz. Die Mädchenmannschaft aus Berlin wurde sogar Weltmeister!!!! Und das, obwohl sie im Viertelfinale gegen Taiwan eigentlich schon besiegt waren, der lautstarke „Knabenchor“ aus Braunschweig die Halle aber derart aufmischte, dass am Ende dieses Spiel und auch die folgenden gewonnen wurden. Eine Sensation!

Die Fans

In the middle of nowhere in Baotou/China: „Deutschland“-Rufe, Vuvuzela trötende und Fahnen schwenkende Fans??? Ein kleines Grüppchen hatte sich auf den langen Weg gemacht, um uns bei jedem Spiel nach vorne zu peitschen. Damit hatten wir von den europäischen Mannschaften sicherlich die bunteste und stimmungsvollste Fangruppe, die nur dann kurz verstummte, wenn im chinesischen Staatsfernsehen Interviews gegeben werden oder Fotos mit den (meist weiblichen) chinesischen Fans geschossen werden mussten.

Begegnungen

Eines der ganz besonderen Reize waren die Begegnungen mit den Sportlern der anderen Nationen: Nicht nur die obligatorischen Gruppenfotos nach den Spielen waren ein Erlebnis (insbesondere wenn man neben Lang Ping stehen darf), auch der Tag der Nationen war sehr ereignisreich (s. Foto). Nicht zuletzt schien jeder Sportler am letzten Abend ganz genau zu wissen, auf welchem Hotelflur er welches Kleidungsstück mit welchem Gegner tauschen wollte – eine Tauschbörse, besser als jeder südländische Bazar. Ganz dicht zusammengerückt (sportlich wie auch privat) sind unsere Jungs mit den Berliner Mädchen.
Begegnungen mit dem „normalen“ Chinesen gab es leider nur selten (beim Einkaufen oder im Park); unvergessen allerdings die abendlichen Tanzeinlagen oder auch das Badmintonmatch zwischen Moritz und einem Chinesen im öffentlichen Park. Erwähnenswert auch die „Germanisierung“ der durchweg argentinienfreundlichen Chinesen beim public viewing des WM-Spiels Deutschland – Argentinien.

Das Fazit

Als touristischen Höhepunkt einer China-Reise muss Baotou nicht weiterempfohlen werden, eine Weltmeisterschaft in einem Land zu spielen, bei dem dieser Event einen derart hohen Stellenwert hat (Live-Übertragungen im Fernsehen; riesige neugebaute Sportstätten; Polizeieskorten auf Schritt und Tritt; Eröffnungs- und Abschlussveranstaltungen vom allerfeinsten; Gänsehautfeeling beim Einmarsch für Deutschland...), hat allerdings alle tief beeindruckt und wird hoffentlich im positiven leistungssportorientierten Sinn noch lange nachwirken.